Portrait

Immer wach bleiben

Die Figuren in den Programmen von Robert Louis Griesbach sind immer nah dran am „echten Leben“. Ab 1. September steht der Schauspieler nun bei den „Wühlmäusen“ in dem kabarettistischen Kammerspiel „Ver(f)logene Gesellschaft“ auf der Bühne. Sein Fürsprecher ist dabei „Wühlmäuse“-Gründer Dieter Hallervorden


Ein ordentlicher Beruf, wie ihn sich Eltern gemeinhin für ihre Kinder wünschen, schützt nicht vor Kunst und dem Leben für dieselbe. Diese Erfahrung machte der Entertainer, Schauspieler und Synchronsprecher Robert Louis Griesbach. Für den gelernten Reiseverkehrskaufmann mit dem Hang zur ernsthaft betriebenen Spaßmacherei war Schluss mit Hotelbuchungen, Reiseberatungen und Mitarbeiter-Trainings, als er sich in einem Konferenzraum der Lufthansa wiederfand. „Bei einer Schulung zu Flugreiseberechnungen stand ich an der Tafel und fragte mich, überraschenderweise sogar laut: ‚Was mache ich hier eigentlich?‘ Ab da war der Knacks drin und ich wusste, ich muss etwas anderes machen.“

„Im Flugzeug war mir klar: Ich kündige“

Nicht bei jedem führt diese Frage zwangsläufig zum kompletten Wechsel des Betätigungsfeldes. Aber bei Robert Louis Griesbach war die Leidenschaft fürs Heitere und für die Bühne schon lange vor dem magischen Moment an der Tafel vorhanden. Die Ausbildung an einer Schauspielschule stand ebenso auf dem Plan: „Leider habe ich die Anmeldefrist verpasst.“ Griesbach wusste, wie Theater funktioniert und wie er Menschen in seinen Bann ziehen kann. In „Marias Gartenhaus“, dem Sitz des Kulturvereins Charlottenburg, jobbte er und brachte 1993 ein erstes eigenes Programm auf die Bühne. „In dem kleinen Hinterhoftheater habe ich alles gemacht. Garderobe, Einlass und den Gästen die Cola gebracht.“ Das Talent zum unterhaltsamen Schreiben hatte er bereits zuvor als Abteilungsleiter bei einem Reiseveranstalter mit „originellen Rundschreiben“ an Reisebüros unter Beweis gestellt. „Ich merkte, ich kann so formulieren, dass die Leute das witzig finden.“ Dazu kam das Vermögen, das Geschriebene für die Bühne in ein Gesamtkunstwerk aus pointierter Beobachtung, Bewegung und gesprochener Sprache zu verwandeln. Aus dieser ersten Zeit auf, vor und hinter der Bühne hat er „die Macke, dass ich nicht in der Garderobe auf meinen Auftritt warten kann. Ich bin immer im Foyer bei den Leuten.“ Eine große Dankbarkeit „über jeden, der ins Theater geht und nicht nur etwas am Bildschirm einschaltet“, blieb ebenso. Griesbach machte beim Casting für die RTL-Sendung „Wie bitte“ mit. „Als ich im Flugzeug nach Köln saß, war mir klar: Ich kündige. Egal, ob ich genommen werde oder nicht.“ 1998 war er ein Jahr lang im Panel der TV-Show zu sehen. Der Wechsel des Metiers war genau das Richtige für ihn. „Du musst immer wach bleiben, Neues und Abwechslung bringen“, sagt der 56-Jährige. „Ich muss beruflich also genau das machen, was jedem im Leben gut tut.“


Seit 2008 tritt er regelmäßig im „Quatsch Comedy Club“ auf und zeigt seine Soloprogramme bei den „Wühlmäusen“. Ob der mit Berliner Schnauze meinungsstarke Kioskbesitzer Günther Wuttke, der die Welt etwas naiv betrachtende Inder Radshi oder die unvergessene Parodie des langlebigen Johannes Heesters – Robert Louis Griesbachs Figuren sind immer nah dran am „echten Leben“, reagieren auf die Gesellschaft. Und die Welt reagiert auf sie – als Heesters im Jahr 2011 108-jährig starb, kondolierten Griesbach Kollegen und Besucher. „Der Heesters“ ist seitdem nicht mehr zu sehen: „Ich spiele nur lebende Figuren, die sich wehren können.“ Ein weiteres Charakteristikum von Griesbachs Figuren ist ihre Sangesfreude. Mit dem Mikro in der Hand, mit Musik und in dynamischer Bewegung ist Griesbach vielleicht sich selbst am nächsten – irgendwo zwischen ernsthaftem Kabarett mit aktuellen politischen Bezügen und zeittypischer Comedy. Oft genug scheint Robert Louis Griesbach sich selbst kaum das Lächeln über seine Figuren mitten im Spiel verkneifen zu können. Ein Changieren zwischen dem In-der-Figur-Sein und Selbst-Reflektion ist stets spürbar. „Ich denke mir dann: Wir haben jetzt einfach mal Spaß, das ist alles nicht so bierernst.“ Sich selbst bezeichnet er durchaus ernsthaft und auf Deutsch als „Spaßmacher“. Beides passt.

„Reisen macht demütig“

Die Kleinkunst, also die große Kunst auf der kleinen Bühne und oft genug im kleinsten Mitspielerkreis, ist Griesbachs Metier. Steht er meist allein in seinen Nummern oder Programmen auf der Bühne, erweitert sich ab dem 1. September der Kreis der Mitspieler. Robert Louis Griesbach ist einer von vier auf dem John-F.-Kennedy-Airport in New York Gestrandeten. In dem kabarettistischen Kammerspiel „Ver(f)logene Gesellschaft“ von Autor und Regisseur Frank Lüdecke übernimmt er – neben Mathias Harrebye-Brandt, Santina Maria Schrader und Birthe Wolter – bei den „Wühlmäusen“ die Rolle des gescheiterten Start-up-Unternehmers, der unpraktischerweise ständig nicht zukunftstaugliche Ideen entwickelt. Für Theaterchef Dieter Hallervorden war Griesbach von Anfang an gesetzt und bei den Castings für die weiteren Rollen auf der „anderen Seite“ dabei. „Ich habe zum ersten Mal eine Rolle auf den Leib geschrieben bekommen“, sagt er. „Das ist ein großer Luxus.“ Zu genau weiß er nach beinah 25 Jahren in der Unterhaltungsbranche, dass Bühnenkunst keineswegs zu Sicherheit und Wohlstand führen muss, Erfolg immer wieder neu erspielt werden will. „Ich bin mir sehr bewusst, dass ich stattdessen auch im Discounter Preise auszeichnen könnte.“ Mit dem ersten eigenen Ensemble bei den „Wühlmäusen“ seit 40 Jahren habe sich Dieter Hallervorden einen großen Wunsch erfüllt, berichtet Griesbach. Hallervorden ist einer von Griesbachs großen Fürsprechern. Er versuchte bereits zuvor, ihn zu einer Sprechtheater-Rolle in seinem „Schlossparktheater“ in Steglitz zu bewegen. Die Zeit war jedoch noch nicht reif. Logisch, dass erst ein Flughafen auf der Bühne als richtiger Spielort für den gelernten Reisenden daherkommen musste.

Wählerisch ist er bei seinen Zusagen für Gastspiele andernorts. „Ich bin dafür bekannt, dass ich gern in Berlin bleibe und nicht so viel toure.“ Ob die überwiegend wenig kommoden „Hotels mit Tiernamen“ in der deutschen Provinz, die er in einem Blogbeitrag aufs Korn nahm, ihren Teil dazu beitrugen? „Ich reise aber privat gern und viel.“ Davon zeugen die Impressionen auf seinem Blog www.mizzipalumi.de. Und schwimmt die Bühne in einem Schiffsbauch über die Meere der Welt, setzt sich Griesbach durchaus öfter und länger in Bewegung. Von 2007 bis 2015 trat er regelmäßig auf Aida-Schiffen auf und nutzte die Landgänge zu fotografischen Erkundungen der Länder am anderen Ende der Gangway. Aber auch ohne schwimmbaren Untersatz ist er in spielfreien Phasen unterwegs. „Reisen macht dich demütig“, sagt Griesbach. Etwa der Anblick bettelnder Kinder in Tansania. Das rücke die Verhältnismäßigkeiten im Leben rasch zurecht. „Wenn du dich über den Busfahrer in Berlin aufregst, dann solltest besser wieder wegfahren.“

In seinem eigenen Kiez in Lichterfelde-West stehen die Chancen, einem ruppigen BVG-Fahrer zu begegnen, womöglich eher schlecht. „Das ist so ein kleines Dorf, in dem du mit einem Korb am Arm herumlaufen und zum Markt gehen kannst wie Belle in ‚Die Schöne und das Biest‘.“ Seit vielen Jahren ist eine Wohnung in einem Jugendstilhaus in dem Steglitzer Ortsteil sein Zuhause. Dort wird gelebt, gearbeitet und auch gerne gut und aufwendig zur Erholung und Erbauung inmitten antiker Möbel gekocht. Die werden aber nicht mehr gesammelt. „Früher haben mich Antiquitäten sehr interessiert, aber irgendwann ist die Wohnung ja voll.“ Noch früher lebte er in den unterschiedlichsten Kiezen. „Ich bin ein quasi richtiger Berliner. Ich bin in Trier geboren und kam im Alter von drei Wochen her.“ Auf Trier folgte Moabit, dann eine längere Phase in Charlottenburg. „Als Kind bin ich auf den Dächern der TU herumspaziert. Und bei uns zu Hause in der Knesebeckstraße habe ich auf dem Fenstersims gesessen und die Studentenproteste gehört.“ Heruntergeschaut hat er aber lieber nicht. In den 70ern folgte eine Phase in der „Selbsthilfegruppe Schlaghosen“. Eine zeittypische Pudel-Dauerwelle zeugte vom vielleicht noch nicht bewussten, aber immerhin vorhandenen Willen zur Verkleidung. „Ich sah aus wie Bobby Farrell von Boney M., nur in Weiß.“


Im Gegensatz zum Boney-M.-Sänger weiß Robert Louis Griesbach jedoch mit seiner Stimme umzugehen. Seit 2012 setzt er sie auch ohne eigene optische Präsenz als Synchronsprecher ein. Er ist die deutsche Stimme von Eric Stonestreet, der mit der Figur des Cameron Tucker eine Hauptrolle der Serie „Modern Family“ spielt. Das wohltönende, pointierte Sprechen ist eine Fähigkeit, die ihm hoffentlich noch lange erhalten bleibt. Gerade erst endete ein Dreh mit Bastian Pastewka. Der hatte sich „die Stimme von Cameron Tucker“ für eine Episodenrolle bei „Pastewka“ gewünscht. Ab Anfang 2018 ist die neue Staffel bei Amazon zu sehen. Für die ferne Zukunft wünscht sich Robert Louis Griesbach, im Spannungsfeld von Gnade und mentaler Beweglichkeit aktiv zu bleiben. „Das Leben sollte immer spannend sein. Dann kann ich ruhig so alt werden wie Johannes Heesters.“ Als auf den Kopf und das eigene Denkvermögen angewiesener Schreiber, Sprecher und Spieler fürchtet er nur eines: „Im Alter zu verblöden und es mitzubekommen. Aber so lange ich noch sprechen kann, kannst du mich halbkomatös vors Mikro schieben. Ich kann also später mindestens immer noch Hörbücher einsprechen.“

Von Ute Schirmack FORUM WOCHENMAGAZIN

18.08.2017